Netzausbau: „Wir haben einfach zu viel Zeit verloren!“
- Redaktion
- 25. August 2026
Netzausbau: „Wir haben einfach zu viel Zeit verloren!“
Netze BW führt ein neues Verfahren zur Vergabe von Netzanschlüssen ein. Das schafft kurzfristig mehr Ordnung bei knappen Kapazitäten. Doch es löst das eigentliche Problem nicht: Deutschlands Stromnetze sind nicht dafür gerüstet, die geplante Elektrifizierung von Wirtschaft und Gesellschaft zuverlässig zu ermöglichen.
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Ab November 2026 will der Verteilnetzbetreiber Netze BW die Vergabe größerer Netzanschlüsse über 950 Kilowatt (kW) in der Mittel- und Hochspannung neu regeln. Ein Punktesystem soll dabei das bisherige Windhundprinzip ablösen, bei dem nur nach dem Zeitpunkt des Antragseingangs entschieden wurde. Künftig sollen auch die Projektreife und Ortsgebundenheit mitberücksichtigt werden.
Das neue Verfahren soll verhindern, dass unausgereifte Projekte wertvolle Netzkapazitäten blockieren. Hintergrund sind die stark gestiegenen Anschlussanfragen, die sich allein in der Hochspannung laut Netze BW zuletzt auf mehr als 20 Gigawatt (GW) summierten. Die neue Vergabelogik ist jedoch vor allem ein Symptom für ein viel größeres Problem: Es fehlt in Deutschland an ausreichend verfügbarer Netzkapazität.
Netzausbau in Deutschland stockt
„Kurzfristig ergibt das Sinn“, ordnet CarbonFreed-Gründer Marko Ibsch das neue Vergabeverfahren ein. „Beim Windhundprinzip werden viele unreife Projekte angemeldet, die zum Teil unnötig viele Ressourcen binden.“ Doch die zentrale Frage bleibt bestehen: Warum sind Netzanschlüsse überhaupt knapp? „Das neue Verfahren wird ja nur notwendig, weil der Netzausbau nicht hinterherkommt“, gibt er zu bedenken.
In Deutschland liegt der Netzausbau seit Jahren hinter den Planungen zurück. Der Bundesrechnungshof stellte 2024 fest, dass der notwendige Netzausbau bereits um sieben Jahre und rund 6.000 Kilometer hinter dem Zeitplan lag. Gleichzeitig erwartete er für den weiteren Ausbau der Stromnetze bis 2045 Investitionen von mehr als 460 Milliarden Euro.
Strombedarf steigt weiter
Deutschland muss deutlich stärker auf Strom setzen, um fossile Energieträger im Verkehr, im Gebäudesektor und in der Industrie zu ersetzen. Bislang liegt der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch gerade einmal bei knapp 20 Prozent. Für eine erfolgreiche Elektrifizierung der Wirtschaft muss dieser Anteil noch deutlich steigen.
Gleichzeitig zeigt eine Systemstudie von Fichtner, dem Fraunhofer ISE und EY-Parthenon im Auftrag von Hitachi Energy, wie stark der Strombedarf in Deutschland bis 2045 steigen könnte: von rund 487 Terawattstunden (TWh) auf etwa 895 bis 1.015 TWh – je nach Szenario. Zusätzlichen Druck erzeugt der rasante Ausbau von Rechenzentren. Vor allem KI-Anwendungen benötigen große Mengen an Strom. Zudem können neue Rechenzentren auf Netzengpässe treffen, wenn die vorhandene Kapazität am jeweiligen Standort bereits knapp ist.
Netzanforderungen steigen ebenfalls
Der Druck auf die Stromnetze wächst von zwei Seiten: Deutschland muss deutlich mehr Strom nutzen, um fossile Energieträger zu ersetzen. Gleichzeitig wächst der Anteil erneuerbarer Energien, wodurch immer mehr Wind- und Solaranlagen in das Stromnetz integriert werden müssen. Damit steigen die Anforderungen an die Netze zusätzlich – vor allem, wenn Stromerzeugung und Stromverbrauch räumlich weit auseinanderliegen. Entscheidend ist, ob die Netze den Strom auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar machen können.
Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist groß
Dass die Energiewende weiter an Fahrt aufnimmt, ist von wirtschaftlichem und politischem Interesse, da Energieimporte für Deutschland einen erheblichen Kosten- und Abhängigkeitsfaktor darstellen. Im Jahr 2024 kosteten die Importe von Erdöl, Gas und Kohle Deutschland unterm Strich etwa 69 Milliarden Euro. Das geht aus dem Jahresbericht der Arbeitsgemeinschaft (AG) Energiebilanzen hervor. „Gerade jetzt bräuchten wir eigentlich viel mehr erneuerbare Energien am Netz“, sagt Ibsch. „Denn ohne Netzanschlusskapazitäten kommen wir nicht aus der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern heraus.“
Woran scheitert der Netzausbau?
Bei der künftigen Planung des Netzausbaus setzt die Bundesregierung stärker auf eine zurückhaltende Einschätzung des Strombedarfs. Gleichzeitig will sie den Ausbau von Netzen und erneuerbaren Energien stärker am erwarteten Bedarf ausrichten. Das birgt ein grundsätzliches Risiko: Wird der künftige Strombedarf zu niedrig angesetzt, kann die Prognose selbst zum Bremsklotz der Elektrifizierung werden.
Denn eine Netzinfrastruktur lässt sich nicht kurzfristig nachrüsten: Zwischen der Entscheidung für einen neuen Netzanschluss und der tatsächlichen Inbetriebnahme können Jahre liegen. Wer das Netz erst dann ausbaut, wenn die Nachfrage bereits da ist, riskiert neue Engpässe.
Wollen Unternehmen ihre Prozesse elektrifizieren, brauchen sie nicht nur die dafür notwendigen Technologien, sondern auch die entsprechende elektrische Infrastruktur. Ein fehlender Netzanschluss kann deshalb zum Engpass für Investitionen, Produktionskapazitäten und die Dekarbonisierung eines Standorts werden.
Planung und Genehmigung bremsen den Ausbau zusätzlich
Auch die Planung und Genehmigung großer Netzinfrastrukturprojekte haben den Ausbau über Jahre hinweg gebremst. Zwar hat sich das Tempo hier zuletzt deutlich erhöht: 2025 genehmigte die Bundesnetzagentur rund 2.000 Kilometer Stromleitungen – 45 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Aufholbedarf bleibt dennoch groß.
Außerdem geht es nicht nur um große Übertragungsleitungen. Auch die Verteilnetze müssen ausgebaut und verstärkt werden, damit zusätzliche Verbraucher – etwa Industrieanlagen, Ladeinfrastruktur, Wärmepumpen und Rechenzentren – überhaupt angeschlossen werden können. Gerade auf dieser Ebene entscheidet sich deshalb zunehmend, ob Elektrifizierungsprojekte tatsächlich umgesetzt werden können.
Andreas Schierenbeck, CEO von Hitachi Energy, warnte Deutschland bereits davor, beim Netzausbau Abstriche zu machen. Daraus könnte sich ein bedeutender Wettbewerbsnachteil ergeben: „Die Zukunft Europas und Deutschlands wird sich daran entscheiden, ob man es schafft, die Wirtschaft zu elektrifizieren“, sagte er.
Fazit: Netze werden zum Standortfaktor
Das neue Vergabeverfahren von Netze BW kann zwar kurzfristig helfen, knappe Netzkapazitäten effizienter zu verteilen. Es ist aber keine Antwort auf den strukturellen Rückstand beim Netzausbau.
Deutschland steht vor einer deutlich größeren Aufgabe: Der Strombedarf wird voraussichtlich deutlich steigen, erneuerbare Energien werden weiter ausgebaut und immer mehr Bereiche vom Verkehr über Gebäude bis hin zur Industrie werden elektrifiziert. Gleichzeitig müssen die Stromnetze die wachsenden regionalen und zeitlichen Unterschiede zwischen Erzeugung und Verbrauch ausgleichen.
„Wir haben einfach zu viel Zeit verloren“, sagt Marko Ibsch. Jetzt geht es darum, den entsprechenden Rückstand aufzuholen. Denn ohne ausreichend Netzkapazität wird die Elektrifizierung selbst zum Engpass für Investitionen, Wachstum und die Dekarbonisierung der deutschen Wirtschaft.
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